Der Knipperdolling

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Die Macht der Bilder

[23.03.2016] Eine kleine Lektion darüber, wie Bilder lügen und manipulieren und wie sie dabei doch bestenfalls irrelevant sind, auch eine Lektion darüber, wie wir uns gerne belügen lassen und Bedeutung und Trost in Metaphern suchen.

Atze Schröder auf Lesbos?

Stellen wir uns mal vor, Atze Schröder würde sich bäuchlings an den Strand legen, den Kopf zum Wasser und sich in dieser Pose fotografieren lassen. Das wäre zwar nicht das schönste aller Urlaubsfotos, aber ansonsten vollkommen banal, ...

... gäbe es nicht das berühmte Foto des dreijährigen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi aus Syrien, dessen Leiche im September 2015 am Strand von Bodrum angespült wurde.

Plötzlich erscheint das Foto von Atze Schröder als geschmacklose, frivole und zynische Verhöhnung von Flüchtlings- und Kriegsleid.

Bei Ai Weiwei ist es Kunst

Wenn dagegen der Dissident, Künstler und wandelnde moralische Instanz Ai Weiwei das gleiche macht und mit politisch-moralischer Botschaft auflädt, dann ist das natürlich was ganz anderes.

Der wirkliche Unterschied (abgesehen davon, dass sich Atze Schröder in Wahrheit nie für ein solches Happening hergeben würde) besteht jedoch lediglich in der moralisierenden Pose, die bei Ai Weiwei automatisch vorausgesetzt wird, bei Atze Schröder dagegen automatisch in Abrede gestellt würde.

Legt man die für Atze Schröder geltenden Maßstäbe auch an Al Weiwei an, so bleibt nur ein fetter alter Mann mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung übrig, der die bekannte Symbolik des eigentlichen Fotos dazu missbraucht, das emotional so wirkmächtige Motiv, seine Symbolkraft und die damit einhergehende mystische Überhöhung auf ihn selbst abstrahlen zu lassen.

Dass dieser faule Trick funktioniert liegt daran, dass auch ein Großteil der Öffentlichkeit ein ähnliches Denk- und Wahrnehmungsschema besitzt: Zum einen ist Ai Weiwei als Dissident und Opfer chinesischer Repression ein Symbol tatsächlicher politischer Widerständigkeit, von Kreativität und Engagement, mithin also eine Identifikationsfigur, auf die wir unsere eigenen nie ausgelebten politischen und widerständigen Ambitionen projezieren können.

Vor allem ist aber auch Aylan Kurdi eine Identifikationsfigur. Das ursprüngliche Foto von Aylan Kurdi ruft bei den meisten Menschen starke emotionale Reaktionen hervor. Mit seiner scheinbaren Friedlichkeit und der Ästhetik, die fast so glatt wie bei einem Werbefoto ist, erhebt es unsere Hilflosigkeit angesichts der Flüchtlingskrise in eine romantische Sphäre. Es erzeugt einen kollektiven Seelenzustand, der das quälende Nachdenken über das komplexe Geflecht von internationaler Verantwortung und mithin Schuld im Zusammenhang mit den Folgen des Krieges in Syrien ersetzt durch ein diffuses und eher wohliges Mitleid.

Die Medien haben das sofort gerochen und schamlos für ihre Propaganda benutzt, vor allem der Teil, der eher an die Instinkte appeliert, zum Beispiel hier:

Bild: Es gab in jeder Krise, jedem Konflikt Bilder, die etwas schafften, was Demonstrationen, Politikerreden und Todeszahlen nicht vermochten: das Herz und das Gewissen der Menschen zu berühren. Durchzudringen durch Gleichgültigkeit, Angst, Ablehnung, Überforderung. Die so stark waren, dass politische und wirtschaftliche Interessen vorübergehend in den Hintergrund rückten. Bilder, bei denen Wegschauen einem Verrat an der Menschlichkeit glich.

Sebastian Gierke (Süddeutsche Zeitung): Wer dieses Bild gesehen hat, wird denen, die hier Schutz vor dem Krieg suchen, nie mehr mitleidlos gegenübertreten.

Wir nehmen die sich bietende Gelegenheit gerne wahr, uns in der gleichen Weise wie Ai Weiwei es gemacht hat mit Aylan Kurdi zu identifizieren. Deshalb ist es auch für die Wirksamkeit des Bildes so wichtig, dass es aussieht, als würde Aylan Kurdi nur schlafen. Unsere Schuldgefühle und unsere Hilflosigeit ersetzen wir durch die von Empathie getriebene Identifikation mit Aylan Kurdis Opferstatus. Dabei ist es nicht Aylan Kurdi selbst, um den es hier geht, sondern die Opferrolle die er repräsentiert.

Denn je mehr im öffentlichen Diskurs Sachargumente durch moralische Apelle ersetzt werden, umso größer ist das politische Kapital, das durch einen Opferstatus garantiert wird. Ai Weiwei macht uns vor, wie wir durch die Identifikation mit dem Opfer zumindest die Illusion unserer moralischen Selbsterhöhung erreichen.

Es ist das gleiche Reaktionsschema, das auch den Spruch "se suis Charlie" hervorgebracht hat

Inszenierungen

Dabei ist selbstverständlich auch das Foto von Aylan Kurdi eine Inszenierung, wir wollen es nur nicht erkennen, weil unsere Wahrnehmung von überästhetisierten Kinobildern korrumpiert ist. Genau so wie die Frisur einer beliebigen Hollywood-Diva in jeder Einstellung perfekt sitzt, egal ob sie durch Sturm und Regen gelaufen, gerade aus dem Bett gestiegen oder ihren Mördern knapp entkommen ist, so ist auch das Haar der vermeintlichen Wasserleiche auf dem Foto sorgsam gescheitelt, die Haut fast rosig und ohne Schrunden, die Kleidung sitzt, die Pose ist die eines schlafenden Kindes.

Wäre Aylan wirklich an dieser Stelle angeschwemmt worden, was nach wenigen Stunden unwahrscheinlich ist, dann hätte er aber Treibspuren aufweisen müssen, die sich daraus ergeben, dass die Leiche über den Grund des Gewässers geschleift wird, denn Ertrunkene sinken grundsätzlich zunächst auf den Boden.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Fund von Aylan Kurdu, siehe hier, hier und hier. Es wenig glaubhaft, dass Aylan wirklich dort angeschwemmt wurde, wo er (angeblich) gefunden wurde. Es steht lediglich fest, das er irgendwie im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise ums Leben gekommen ist.

Dekonstruktion

Es ist durchaus denkbar, dass Al Weiwei sich sehr wohl der dem ursprünglichen Foto zugrundeliegenden Inszenierung bewusst war und mit uns ein doppeltes Spiel spielt, indem er die Mystifizierung der Aylan-Ikone noch einen Schritt weiter dreht und so die ganze Emblematik dekonstruiert. Das wäre dann, wenn es denn tatsächlich so gemeint gewesen sein sollte, tatsächlich eine Ansage.

Allerdings hätte Ai Weiwei dann nicht wenig später ein Klavier über verregnetes Brachland tragen lassen, damit ein Flüchtlingskind mal ein bisschen Musik machen kann.

Nein, dem Mann ist es Ernst mit seinen verlogenen Inszenierungen und seinen Apellen an mystisches Denken.

Was lernen wir daraus?

Wir lernen zunächst mal, dass wir nichts über die Wirklichkeit lernen, denn anders als Gefühlsduselei, mystisches Denken und manipulative Bilder lässt sich die Wirklichkeit nicht dekonstruieren. Die ist wie sie ist.

Und kein Einzelfall sagt etwas über das Ganze aus. Deshalb ist es im Prinzip auch völlig egal, ob das Bild von Aylan echt ist oder nicht. Dass der Krieg in Syrien schon zum damaligen Zeitpunkt 250000 Tote gefordert hatte (manche Schätzungen sprechen von über 400000), dass Abertausende Kinder dabei waren, dass fast täglich Flüchtlinge im Mittelmehr ertrunken sind, das alles wussten wir vorher schon, und daran hat sich durch die Bilder nichts geändert.

Auch Alle, die es gut meinen, müssen sich mit Fragen auseinandersetzen. Zum Beispiel die, die alle Flüchtlinge willkommen geheißen haben, sie aber nicht bei der gefährlichen Reise nach Europa unterstützt haben, sie also mit Verlockungen in Gefahr gebracht haben. Das ist die Tragik: alle sind schuldig, irgendwie. Nichts ist einfach, nichts ist eindeutig, und Trost gibt es schon gar nicht.

Ach ja, und echte Wasserleichen sehen so aus:

Wer möchte, kann daraus lernen, dass wir in den politischen Debatten weniger Gefühlsduselei und mehr Zynismus brauchen, Zynismus von der Art, der moralische Heuchelei dekonstruiert.

Ja genau, "je suis Charlie" war nur solange sexy, wie "Charlie" ein Synonym für "Opfer" war.

Von guten Menschen und Gutmenschen

Der hinter der Kunstfigur des Atze Schröder stehende Mensch hat sich übgrigens ganz praktisch für Flüchtlinge eingesetzt, wofür er von einem Teil seiner Fans angefeindet wurde, die erstens nicht zwischen Schauspielerei und echtem Leben unterscheiden können und es zweitens offenbar nicht mal ertragen, wenn andere Leute Gutes tun. Zwickte die etwa das schlechte Gewissen? Wie konnte Atze (also der Mensch hinter der Kunstfigur natürlich) auch so unsensibel sein, andere mit seinem stillschweigenden Humanismus zu beschämen, anstatt einfach mal ein Klavier durch die mazedonische Hochebene zu schleppen. Dann hätte er seinen Fans die Gewissensnot und sich selbst eine Menge Ärger erspart, und alle hätten sich gut gefühlt.

Letze Änderung: 19.05.2016

Erstellt: Mrz. 16