Der Knipperdolling

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Marcel Fratzschers Märchenstunde (eine Polemik)

[01.03.2016] Marcel Fratzscher, Chef des DIW in Berlin, hatte im November 2015 eine Studie veröffentlicht, in der die wirtschaftlichen Chancen für Deutschland betont werden, die sich aus der Einwanderung von Flüchtlingen ergäben. Die Diksussion ist schon etwas älter, aber um die eigentlichen Aussagen geht es auch weniger, als um eine Diskurskritik an der verqueren Debattenkultur in Deutschland.

Zum Warmwerden: Das Hirn ohne Hochschulabschluss

Auf t-online gab der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow am 09.10.2015 ein Interview über die Angst vor Fremden. Er sieht sie als Teil von genetisch verankerten Urängsten:

Bandelow: Ein großes Problem der überlieferten Urängste ist, dass sie in einem primitiven Teil des Gehirns entstehen, das keinen Hochschulabschluss hat. Sie lassen sich nur schwer durch die intelligenteren Teile des Gehirns steuern. Das macht es so gefährlich.

t-Online: Welche Rolle spielt Fremdenangst in der aktuellen Asyldiskussion?

Bandelow: Ich glaube tatsächlich, dass die Xenophobie dazu führt, dass ein Großteil der Bevölkerung übergroße Ängste vor dem hat, was auf uns zukommt. Die eher vernunftgesteuerten Menschen betonen die ökonomischen und demographischen Vorteile, wenn junge und arbeitsfähige Menschen in das alternde Deutschland einwandern. Aber das verhallt bei den ängstlicheren Menschen, weil das primitive Angstsystem auf solche Überlegungen überhaupt nicht reagiert.

Wozu müssen wir eigentlich noch einen Ökonomen fragen, ob und inwieweit die aktuelle Migration ökonomische und demographische Vorteile hat? Folgt man Bandelows Logik, dann ist dazu nämlich ökonomische Expertise gar nicht nötig. Ebenso ist es nicht nötig zu hinterfragen, ob ökonomische und demographische Faktoren das einzige sind, worauf es ankommt.

Denn es ist doch ganz einfach, nicht wahr: Kritik an Migration ist igitt. Denn Kritik ist Angst, und Angst is dumm, und dumm ist gefährlich, und gefährlich ist igitt. Und das alles nur weil unser innerer Hochschulabschluss den Affen in uns nicht im Griff hat. Voilà.

Lassen wir die bornierte Herablassung von Borwin Bandelow für einen Moment beiseite und widmen wir uns einer Studie, die Marcel Fratzscher in seiner Funktion als Leiter des DIW veröffentlicht hat.

Blühende Landschaften durch Flüchtlinge

Im November letzten Jahres ging eine Pressemitteilung des DIW durch die Medien, in der die ökonomischen Chancen des damals gerade anschwellenden Flüchtlingsstroms beschworen wurden. Das DIW ist eines der renomiertesten Wirtschaftsforschungsinstitute im Lande. Ihr Chef, Marcel Fratzscher, ist ein eloquenter, medienpräsenter und politisch gut vernetzter Harvard-Ökonom. Ein guter und ein nicht ganz so guter Grund, der DIW-Mitteilung Vertrauen zu schenken. So wurde die in der Pressemitteilung erwähnte DIW-Studie auch landauf landab zitiert, zum Beispiel bei der Welt oder bei Focus, oder bei N-TV.

In der sich schon verdüsternden Stimmung im Lande waren die frohen Botschaften Balsam auf die Seele derer, die ihre atavistischen Angstgefühle nicht mehr vollständig unter Kontrolle hatten. Ein paar Äußerungen waren allerdings schon etwas seltsam (aus einem Interview mit Fratzscher, auch in der Welt):

Fratzscher: In Regionen, in denen der Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund besonders hoch ist wie in Baden-Württemberg, ist auch das Bruttoinlandsprodukt höher.

Sollte das jetzt ein Sachargument sein? Dann hätte man zumindest mal auf die Frage der Kausalität eingehen müssen. Gehen die Migranten dahin, wo die Wirtschaft sowieso floriert, oder floriert die Wirtschaft dort wo die Migranten hingehen? Egal, die Hauptsache ist doch, dass Fratzscher genau wusste, wo er seinen inneren Hochschulabschluss zu verorten hatte. Er war zu jedem Zeitpunkt den primitiven, angstgeleiteten Teilen seines Gehirns weit entrückt:

Fratzscher: Ich finde es schockierend, wie einseitig die Debatte geführt wird. Der Fokus liegt allein auf angeblich drohenden Steuererhöhungen und Transferzahlungen. Was dabei völlig übersehen wird: Viele Flüchtlinge schaffen schon nach wenigen Jahren einen Mehrwert für die deutsche Wirtschaft.

Inhaltliche Kritik an der DIW-Studie

Nun gibt es leider Menschen, die haben einen Hochschulabschluss in der Tasche und nicht im vordenen Stirnlappen eingepflanzt. Ein solcher Spielverderber, der Wirtschaftsprofessor Ulrich van Suntum wollte sich zu der DIW-Studie doch tatsächlich eine eigene Meinung bilden. Dabei entpuppte sich die "Studie" im Wesentlichen als eine einzelne Excel-Datei. Was van Suntum dazu zu sagen hatte war niederschmetternd, hier seine Replik. Auch Daniel Stelter hat am 12.11.2015 auf think-beyondtheobvious.com (ebenso beim Manager-Magazin zu finden) die Studie einer Kritik unterzogen und dabei etwas freundlicher formuliert. Die Lektüre lohnt sich. Inhaltlich ist er mit van Suntum im Großen und Ganzen auf einer Linie, seine Hochrechnungen sind dabei eher noch negativer. Interessant ist auch ein späterer Beitrag von Stelter (14.01.2016), in dem er seine Standpunkte mit denen van Suntums vergleicht. Hier die wesentlichen Kritikpunkte in einer knappen Auflistung:

Spiegel-Streitgespräch zwischen Fratzscher und Stelter

Am 13.11.2015 gab es im Spiegel ein Streitgespräch zwischen Marcel Fratzscher und Daniel Stelter. Fratzscher, auf die in seiner Studie vergessenen Bildungsausgaben angesprochen:

Fratzscher: Sehen Sie Ausgaben für die Bildung unserer Kinder als Kosten an oder als Investitionen? Genauso sollten wir die Ausgaben für Flüchtlinge nicht als Kosten, sondern als Investitionen begreifen. Wenn ein Flüchtling arbeitet, dann zahlt er nicht nur selbst Steuern, er erhöht auch die Wertschöpfung der Unternehmen, die darauf wiederum Steuern zahlen. Das ist der Angebotseffekt. Aber es gibt auch einen Nachfrageeffekt. Die Zahlungen, die wir an Flüchtlinge leisten, kommen ja irgendjemandem zugute und erhöhen die wirtschaftliche Aktivität. Langfristig profitieren wir daher alle.

Wenn ein Flüchtling arbeitet, dann zahlt er aber nicht nur Steuern, sondern jeder Flüchtling nimmt auch staatliche Leistugen in Anspruch. Und Zahlungen, die für Flüchtlinge gleistet werden, können nicht mehr an anderer Stelle geleistet werden. Natürlich sind Bildungsausgaben eine Investition, sogar die wichtigste, die der Staat tätigen kann. Die vom DIW gestellte und zu beantwortende Frage ist aber, ob sich das Gesamtpaket aus Einwanderung von Flüchtlingen plus Aufwendung von allerlei Kosten inklusive Investitionen, plus Beitrag der Flüchtlinge zum Wirtschaftsleben per Saldo lohnen werden, und zwar bitte im Sinne einer Vollkostenrechnung. Auf ein schlechtes Argument folgt dann die übliche Diffamierung als Antwort auf Stelters Kritik:

Stelter: Das Papier des DIW ist keine Studie, sondern eine Simulationsrechnung. Und zwar eine schlecht gemachte: Selbst im pessimistischen Szenario kommen Sie noch zu positiven Wirkungen.

Fratzscher: Sie halten die Simulation für schlecht, weil Sie das Ergebnis schlecht finden. Schlecht ist, was Sie tun: Sie drohen den Menschen und machen Ihnen Angst, indem Sie riesige Kosten aufzählen, aber den Nutzen und die Chancen verschweigen.

Du primitiv, weil spielen mit Angst, ich Hochschulabschluss im Hirn, deshalb recht haben. Ugh! Eine Frechheit. Und der letzte Halbsatz ist auch noch sachlich falsch. Aber diese Form des Diskurses hat bei Fratzscher Methode.

Fratzschers Antwort auf van Suntum und die Reaktion der Medien

Was Marcel Fratzscher darüber hinaus zu der Kritik von Van Suntum zu sagen hat, ist in einem Nebensatz bei der FAZ nachzulesen (Online-Artikel vom 24.12.2015, der gleiche Artikel war in der Print-Verion der FAZ am 6.12.2015 erschienen). Anstatt van Suntum mit Sachargumenten zu widerlegen pöbelte Fratzscher ihn wegen seiner vermeintlichen politischen Motive an (die Mitgliedschaft van Suntums bei Alpha ist einfach ein zu schönes Todschlagargument) und sprach ihm einfach die wissenschaftliche Seriosität ab.

Man muss das schon verstehen, dass sich ein Marcel Fratzscher nicht in die Niederungen einer Sachdiskussion begeben kann. Sein innerer Hochschulabschluss könnte Schaden nehmen oder die Kontrolle über seine primitiven Ängste verlieren. Na gut, reden wir stattdessen über die Reaktion der Mainstream-Medien auf die Zetrümmerung von Fratzschers "Studie" durch Stelter und van Suntum.

...

Genau, das hat niemanden mehr interessiert, war politisch ja nicht mehr in der genehmen Form zu interpretieren, also wurde von den Mainstream-Medien (fast) gar nicht mehr berichtet. Tja, vor Köln ging sowas noch.

Ja, schon gut, ich übertreibe. Es gibt inzwischen andere Studien, die auch veröffentlicht wurden, und die noch viel pessimistischer sind als van Suntum oder Stelter, bei denen das Medienecho aber erheblich zurückhaltender ausfiel. Warum nur? Und die Welt hat am 3.1.2016 nochmal ein Interview mit Fratzscher geführt.

Fratzscher:Viele konzentrieren sich nur auf staatliche Steuereinnahmen und -ausgaben und sagen dann: ‚Die Flüchtlinge sind ein Verlustgeschäft für Deutschland.‘ Das Argument ist, dass sie mehr soziale und andere Leistungen vom Staat erhalten, als sie an Steuern zahlen. Doch die Rechnung ist grundfalsch, manipulativ und irreführend. Wenn wir diese Milchmädchenrechnung ernsthaft aufmachen, sind auch zwei Drittel der Deutschen ein Verlustgeschäft.

Man bemerke auch hier die diffamierenden Seitenhiebe. Die sachliche Widerlegung dieses Unsinns überlasse ich meinen geneigten Lesern (es gibt ja sowieso nur einen, grüß Dich T.).

Der falsche Diskurs

Bei think-beyondtheobvious.com fiel die Diskurskritik von Daniel Stelter kurz und knapp aus:

Die Flüchtlingskrise entzieht sich jeglicher Wirtschaftlichkeitsrechnung. Es ist eine humanitäre Herausforderung und deshalb nicht für eine Kosten-Nutzen-Analyse geeignet.

Dem sollte man nichts hinzufügen müssen. Man darf jedoch davon ausgehen, dass eine Wirtschaftlichkeitsrechnung sowieso nie das Ziel der DIW-Studie war. Es ging darum, den minderbemittelten Teilen unserer Bevölkerung bei der Bewältigung ihrer atavistischen Ängste vor der Migration beizustehen. Dabei spielt es eben keine Rolle, ob die verkündeten Tröstungen irgendwas mit der Realität zu tun haben. Daraus kann man zweierlei lernen.

Erstens zeigt sich ein weiteres mal, dass viele zur Flüchtlingskrise geäußerten Argumente Heuchelei sind und nur dazu dienen, den vermeintlichen Pöbel bei Laune zu halten. Ehrlichkeit im Sinne von "humanitäre Herausforderung" galt wohl als ein zu anspruchsvolles oder gar gefährliches Argument (inzwischen hört man es etwas häufiger). Daran scheint auch die Tatsache nichts zu ändern, dass diese Ablenkungsmanöver inzwischen alle widerlegt sind, dass es für alle, die es interessiert im Netz eine Fülle von Informationen gibt, die dabei helfen propagandistische Nebelkerzen zu durchschauen. Auch dass die Glaubwürdigkeit von Politikern und Medienvertretern schon längst schwer beschädigt ist, scheint vielfach noch nicht wirklich angekommen zu sein.

Zweitens handelte Marcel Fratzscher ganz offensichtlich nicht als Ökonom, sondern als politischer Erfüllungsgehilfe und Seelsorger, der die Zielgruppe seiner Propaganda mit der gleichen Abgehobenheit und Herablassung behandelt wie der Angstforscher Borwin Bandelow. Dass er sich mit dieser kompletten Diskursverweigerung im Hinblick auf ökonomische Argumente als Chef des DIW halten kann ist zwar erstaunlich, aber das ist das alleinige Problem des DIW und seiner Geldgeber. Die müssen selber wissen, ob sie ein Institut für Wirtschaftsforschung finanzieren wollen oder eins für politische Propaganda.

Für uns, das dumme und von Urängsten gequälte Volk bedeutet das, dass wir das nächste Mal gleich zum Angstforscher gehen, wenn wir bange Fragen haben und dafür die Expertise von Leuten wie Marcel Fratzscher ab heute komplett ignorieren.

Der richtige Diskurs

Deutschland hat unter den Nazis einen Weltkrieg mit 50 Millionen Toten angefangen, den halben Kontinent in Schutt und Asche gelegt und quasi nebenbei noch den ersten bürokratisch und industriell organisierten Völkermord in der Geschichte der Menschheit hingelegt. Als Belohnung bekam es eine Demokratie, eine nach etlichen Jahrzehnten auch funktionierende Zivilgesellschaft, sowie 1953 den generellen Schuldenerlass geschenkt. Eine boomende Wirtschaft war die natürliche Folge. Als kleines Dankeschön für unseren enormen Wohlstand und unsere lebenswerte Gesellschaft exportiert Deutschland fleißig im Lande produzierte Güter, es verhält sich politisch gegenüber anderen Ländern kooperativ, und es hat den nationalen Gedanken weitgehend aufgegeben. Wir Deutschen hatten mehr Glück als Verstand. Es erscheint also nur fair, dass wir nochmal ein bisschen was drauflegen und uns langfristig mit ein paar Prozent mehr unserer Wirtschaftsleistung daran beteiligen, auch den Rest der Welt besser zu machen, und zwar ohne dabei mit einem Return of Investment zu rechnen.

Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Man kann planlos und ohne Absprache mit den europäischen Nachbarn in Europa eine Million Flüchtlinge, oder auch zwei oder drei Millionen ins Land holen. Oder man kann sich andere Möglichkeiten überlegen, Gutes zu tun. Um aber überhaupt in der Lage zu sein, diese Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen, braucht man eine halbwegs solide Abschätzung der Kosten, denen man den "Erlös" (natürlich nicht für uns, sondern im Sinne des Umfangs, in dem wir die Welt besser gemacht haben) gegenüber stellen kann.

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen ehrliche Antworten darauf wollen, welche Konsequenzen welche Art von Politik haben wird, diese Tatsache hat nichts mit Angst, Ressentiments oder gar Rassismus zu tun. Natürlich gibt es einen Bodensatz von Leuten, bei denen das durchaus der Fall ist, aber ein politischer Diskurs muss sich auch und überwiegend an der großen Mehrheit orientieren, denen dieser Vorwurf nicht gemacht werden kann. Von dieser Mehrheit hat ein großer Teil keine Lust mehr, sich mit Moral-Heuchelei, Ausflüchten und Beschönigungen abspeisen zu lassen. Deshalb ist auch dieser Teil völlig zu Recht von Leitmedien, Wissenschaftler-Darstellern und Politikern angepestet.

Letze Änderung: 19.05.2016

Erstellt: Mrz. 16