Der Knipperdolling

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Denunziantengate - Eine Provinzposse

[19.12.2016] Der Streit um die Twitter-Aktion #KeinGeldFürRechts ist am Betreiber dieses Blogs zunächst komplett vorbeigegangen, weil er die politische Relevanz nicht für gegeben hielt. Daran hat sich nichts geändert, aber der ganze Zickenkrieg zeigt doch sehr schön, dass reine Diffamierungskampagnen nicht mehr sehr erfolgversprechend sind. Das Werfen von Dreck ist zu Recht von der Meinungsfreiheit gedeckt, und es gibt schon deshalb keinen Grund, das zu ändern, weil die Protagonisten auf beiden Seiten des politischen Spektrums sich damit selbst diskreditieren.

Die Achse des Guten

Die Achse des Guten ist immer mal wieder hilfreich, um auf politische Auseinandersetzungen aufmerksam gemacht zu werden, die sonst unter dem Radar geblieben wären. Im Wust der alternativen Medien sind die also durchaus eine Bereicherung. Man muss allerdings die Nerven habe, viel albernen und unwichtigen Kram herauszufiltern. Und man muss dickfellig sein, was das überwiegend rechtskonservative bis piefig-reaktionäre Profil der Achse angeht. Insbesondere die Leugner des Klimawandels produzieren sich sehr gerne dort.

Vor allem ist aber die Achse für ihren dezidiert miesen Stil bekannt. Es wird fast nur herablassend bis persönlich diffamierend über Personen mit abweichenden Meinungen geschrieben, und das gesamte liberale bis linke Spektrum wird regelmäßig und allenfalls mäßig begründet als Haufen ideologischer und verblendeter Idioten niedergemacht. Die Beleidigungen sind aber immer so dosiert, dass der gesetzliche Rahmen klar gewahrt bleibt, und rechtsextremistische Äußerungen wird man dort vergeblich suchen.

Kein Geld für Rechts

Gerald Hensel, (inzwischen Ex-) Mitarbeiter bei Scholz & Friends, hatte die Idee, Werbetreibende darauf aufmerksam zu machen, wenn ihre oft im Paket gebuchte Online-Werbung auch Webseiten umfasst die, zumindest dem unklar definierten Verständnis Hensels nach, rechtslastig sind. Dafür hat er sich das Twitter-Hashtag #KeinGeldFürRechts ausgedacht, unter dem jeder eingeladen ist, Fotos "böser" Websites mit Onlinewerbung zu posten. Auf der privaten Website von Hensel wurde mit folgenden Worten zum Boykott, unter anderem der Achse des Guten, aufgerufen (da die Website von Hensel nicht mehr öffentlich zugänglich ist, hier der Link zu einem Screenshot von Hensels Site, und hier zum Web-Archiv):

In meiner kleinen blöden Welt herrscht Meinungsfreiheit. Zweifellos sind Seiten wie Breitbart News und die Achse des Guten, PI-News oder Compact legale Medien. Dennoch kann man Marken natürlich mal fragen, ob sie in der vollautomatisierten RTA-Mediabuchungswelt wissen, dass ihre Banner auf entsprechenden Seiten stehen und dort ihre Marke repräsentieren. […] Schau dir noch einmal sehr genau an, ob die Blacklist gepflegt ist und ob man Seiten, auf denen man sicher nicht zu finden sein will, auch nicht zu finden sind. Das ist natürlich nicht nur im Sinne der Political Correctness wichtig, sondern durchaus auch bei der Frage, was die Zielgruppe denken soll. Die findet sowas nämlich sicher im Wahljahr 2017 wichtig.

Bald darauf erschienen dann auch die konkreten Boykottaufrufe, vor allem gegen die reaktionäre amerikanische Site Breitbart, aber unter anderem auch gegen die Achse des Guten, hier. und hier. Die Werbekunden, zum Beispiel Innogy, haben den Hinweis sehr schnell aufgenommen und ihre Werbung von der Achse des Guten zurückgezogen. Die oft selber im denunziatorischen Stil agierende Achse des Guten wurde so zum Opfer einer Denunziation durch die selbsterklärten politisch Korrekten.

Broder keilt zurück

In einer Replik auf die Twitter-Kampagne reagierte Henryk M. Broder mit einer noch größer angelegten Denunziationskampagne. Ohne Belege dafür zu haben unterstellte er, die Kampagne von Hensel wäre mit Wissen und Billigung seines Arbeitgebers, der Werbeagentur Scholz & Friends erfolgt. Er rief kaum verklausuliert seinerseits zum Boykott von Scholz & Friends auf.

Hensel schrieb sogleich eine an Broder adressierte Verteidigungsrede, die argumentativ aber recht mau war:

Wie Sie auf die Idee kommen, dass ich AchGut boykottieren würde, ist mir schleierhaft. Ja, es gibt unter #KeinGeldFürRechts eine Aktivierung, die ich hier beschrieben habe und die Sie als Boykott missverstehen wollen. Genaues lesen lohnt sich übrigens. […] Das nach Geld bettelnde Weblog, “Achse des Guten” […] habe ich explizit, zusammen mit Tichy’s-Einblick, aus der Aktivierung, dem so genannten Boykott, ausgenommen.

Das ist zwar korrekt, bezieht sich aber auf einen späteren Eintrag auf Hensels Website, der noch hier im Web-Archiv zu finden ist. Zu Broders Forderung, zu definieren, was für ihn denn überhaupt rechts sei, schreibt er:

Sie hatten mich nach meiner Definition von Rechts gefragt. Und ich bitte Sie, lassen Sie uns dieses Rechts-Links-Ding vergessen: Ein studierter homosexueller jüdischer Punk kann heute ohne Probleme bei der AfD sein oder Trump wählen – oder auch nicht. Sie wissen selbst dass die alten Freund-Feind-Schemata nicht mehr gelten. Es geht um Menschlichkeit. Um EQ. Um Empathie.

Offensichtlich hält es Hensel also nicht mal für nötig, zu definieren, was er eigentlich bekämpft. Denn ein Mangel an Empathie wird ja wohl nicht als klar umrissener politischer Begriff gemeint gewesen sein. Die Solidaritätsadresse von Florian Rötzer für Hensel auf Telepolis war ebenfalls nicht als Argument zu Hensels Verteidigung geeignet:

Natürlich sollen Medien wie Achgut.com Meinungen ventilieren können, auch wenn sie nicht gerade einen Beitrag für Aufklärung leisten und mit grandioser Selbstüberhöhung die schlechte Stimmung […] fördern, was man eben populistisch nennt. Wo Unternehmen und Agenturen ihr Geld lassen, ist allerdings, gefördert durch Kampagnen oder nicht, deren Entscheidung, so lange wir keinen Kommunismus haben.

Norbert Häring hat auf seinem Blog zutreffend darauf hingewiesen, dass das Verbreiten schlechter Stimmung geradezu ein Markenzeichen von gutem Journalismus ist, dann nämlich wenn Probleme angesprochen werden, die von den Mainstream-Medien unter den Tisch gefallen lassen werden. Das hat die Achse des Guten nicht nur im von Häring zitierten Beispiel erfolgreich getan.

Der Shitstorm, der in der Folge des Disputs auf Scholz & Friends niederging, führte begleitet vom weiteren Nachtreten durch die Achse des Guten am Ende dazu, dass Hensel seinen Job kündigte, um Scholz & Friends aus der Schusslinie zu nehmen. Sein Name wurde flugs von der Website von Scholz & Friends gelöscht, Hensel löschte außerdem seine Facebook-Historie und stellte seine Website, von wo aus er seine Kampagne gestartet hatte unter Passwortschutz,, was ihm von diversen Leuten als Schuldeingeständnis ausgelegt wurde. So wurde der Denunziant selber Opfer des denunzierten Denunzianten.

Nur Verlierer

Einen Punkt machte Hensel aber am Ende doch, indem er einen der niederträchtigsten und gleichzeitig dämlichsten Posts verlinkte, die sich Broder auf der Achse des Guten geleistet hat: "Wir bekommen die Krätze geschenkt". Er ruft in Erinnerung, wie tief Broder inzwischen gesunken ist, der mal ein witziger, kenntnisreicher und unabhängig denkender Journalist war. Man muss die Achse des Guten also, obwohl sie durchaus einen sinnvollen Beitrag zum politischen Diskurs liefert, nicht wirklich wegen des Verlusts ihrer Anzeigenkunden bemitleiden. Die denunzierten Denunzianten, die den Denunzianten denunzierten, wurden damit Opfer der nächsten Gegendenunziation.

Aber auch die aufgebauschte Empörung auf der Achse des Guten über den vermeintlichen Angriff auf die Meinungsfreiheit ist lächerlich. Die Diffamierungen auf beiden Seiten waren zwar durchaus Versuche, den Gegner zu beschädigen und mundtot zu machen. Das ist mies, aber da weder die Achse des Guten noch Gerald Hensel auch nur annähernd die praktische Macht eines Giganten wie Facebook oder den gesellschaftlichen Einfluss öffentlich geförderter Stiftungen wie der Amadeu-Antonio-Stiftung haben, war hier an keinem Punkt die Meinungsfreiheit tangiert.

Am Ende standen alle Beteiligten als Verlierer da. Es hat schon fast etwas Beruhigendes, zu sehen, wie sich die Denunzianten rechts wie links gegenseitig ihre Reputation zerstören. Und die Twitter-Historie zum Hashtag #KeinGeldFürRechts zeigt sehr schön, wie der Ansatz, anstelle von Sachdiskursen Diffamierungsdiskurse zu führen, immer wieder nach hinten losgeht. Der weit überwiegende Teil der Twitter-Nutzer hat nämlich wenig Verständnis für #KeinGeldFürRechts geäußert, ebenso wie die meisten der über 700 Kommentare zu Rötzers Artikel auf Telepolis. Bei den ganz Rechten hat es ja eine lange Tradition, sich mit faktenarmen Diffamierungen und Denuziationsversuchen selber ins Abseits zu stellen, aber wann werden die Linken endlich begreifen, dass es keine geeignete Strategie ist, um sich von rechts abzugrenzen, wenn man nur deren miesen Stil kopiert?

Letze Änderung: 19.12.2016

Erstellt: Dez. 16