Der Knipperdolling

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Das Appendix-Geschlecht

[05.01.2017] Mit Appendix-Geschlecht ist nicht der Teil der Menschheit gemeint, der sich über jenes seit Jahrtausenden maßlos überbewertete Zipfelchen zwischen den Beinen definiert, sondern derjenige Teil, der sich durch das Postfix „Innen“ hinter jedem Gattungsbegriff beschrieben sehen möchte. Dieser Beitrag ist eine Sprachkritik, die schon vor 30 Jahren mit den gleichen Argumenten hätte geübt werden können. Auch damals haben diese Argumente niemanden angefochten, und so hat sich das Niveau des Diskurses über solche Fragen in den letzten 30 Jahren auch nicht verbessert.

Das Geschlecht von Gattungsbegriffen

Folgender Satz enthält einen Gattungsbegriff weiblichen Geschlechts: „Die Beantragung eines Wahlscheins steht nur natürlichen Personen offen.“ Damit sich auch natürliche Personen männlichen Geschlechts angesprochen fühlen, könnte man ihn umformulieren: „Die Beantragung eines Wahlscheins steht nur natürlichen Personen und Personerichen offen.“ Klingt bescheuert und ist überflüssig, weil in unserer männlich dominierten Welt sowieso niemand erwartet, dass Männer von irgendetwas ausgeschlossen werden, was anderen Menschen offensteht.

Folgender Satz enthält einen Gattungsbegriff männlichen Geschlechts: „Die Beantragung eines Semestertickets steht nur Studenten offen.“ Damit sich auch Studenten weiblichen Geschlechts angesprochen fühlen, hat es sich eingebürgert, derlei Sätze umzuformulieren: „Die Beantragung eines Semestertickets steht nur Studenten und Studentinnen offen.“ Es ist nur schlappe 100 Jahre her, dass es Frauen in Deutschland überhaupt erlaubt wurde, zu studieren. Historische betrachtet ist es also nicht ganz abwegig, bei Studenten zunächst nur an Männer zu denken.

Wie man aber an den beiden Beispielen erkennen kann, ist es nicht das Geschlecht des Gattungsbegriffs an sich, das ein Problem darstellt, sondern die Assoziationsmuster in den Köpfen der Menschen, die diese Sätze lesen. Die explizite Inklusion des jeweils anderen Geschlechts gründet sich sowohl auf die Unterstellung, die Inklusion wäre in den Köpfen der Leser nicht gegeben, als auch auf die Hoffnung darauf, die Assoziationsmuster der Leser so beeinflussen zu können, dass sie das andere Geschlecht immer mitdenken und nicht vergessen.

Ist die Inklusion dagegen selbstverständlich (geworden), so schlägt die Hervorhebung des „anderen“ Geschlechts ins Gegenteil um. Der „Personerich“ suggeriert eine Anomalie der ansonsten weiblichen Person, die einem ohne die grammatikalische Sonderform gar nicht in den Sinn käme. Und wenn ohnehin allen klar ist, dass Studenten genauso oft männlich wie weiblich sind, dann bleibt als einziger Effekt der expliziten Inklusion, dass wir immer wieder an das männliche Geschlecht des Gattungsbegriffs „Student“ erinnert werden, das an sich aber völlig bedeutungslos ist; gegeben natürlich das unterstellte Bewusstsein der Allgemeinheit davon, dass der Begriff Studenten solche beiderlei Geschlechts umfasst, so wie das weibliche Geschlecht von „Person“ auch keine Männer ausschließt.

Das Beharren auf der Studentin bewahrt dann eher die geschlechtertrennende Konnotation, die durch den männlichen Studenten mal entstanden ist, als sie abzubauen. Das wird übrigens nicht wirklich besser, wenn von „StudentInnen“ gesprochen wird. Das ist zwar kürzer, und es suggeriert irgendwas wie einen einheitlichen oder gereinigten Gattungsbegriff. Aber tatsächlich ist es semantisch genau das gleiche wie „Studenten und Studentinnen“. Und beim Sprechen ist es nicht mal eindeutig, es sei denn man sagt „Student‘Innen“ mit Pause in der Mitte. Und das ist auch mindestens unbequem.

Der geschlechtliche Bias von Gattungsbegriffen

Das grundsätzliche Problem in diesem Zusammenhang ist statistischer Natur: Die große Mehrzahl der Gattungsbegriffe, die etwas mit Macht, Geld oder Sozialprestige zu tun haben sind männlich (Präsident, Arzt, Professor, Polizist, Richter, usw.). Der durch die „-Innen“-Sprachregelung erzwungene Hinweis, dass alle diese Gattungsbegriffe auch Frauen einschließen, ändert überhaupt nichts an dieser männlich orientierten Verzerrung. Die Gattungsbegriffe sind alle weiterhin männlich, -Innen oder nicht.

Das pure Geschlecht ist nicht einmal das Wesentliche an dieser Verzerrung. „Memme“, „Lusche“ und „Heulsuse“ zum Beispiel sind weiblich, obwohl die Begriffe überwiegend auf Männer angewendet werden. Das weibliche Geschlecht ist hier nur ein Mittel, um die ohnehin intendierte negative Konnotation zu verstärken. Natürlich antizipiert diese Wahl des Geschlechts eine latent oder aktiv frauenverachtende Denkweise. Wieder geht es in Wahrheit um Assoziationsmuster und Vorurteile in den Köpfen von Menschen, ohne die das Geschlecht eines Begriffs keine Konnotation, geschweige denn semantische Bedeutung hätte.

Auf diese Situation lässt sich auf zwei Arten reagieren. Optimisten warten einfach ab, wie sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt und hoffen, dass der fortlaufende politische Diskurs die tatsächliche Partizipation von Frauen stärkt, den gegenseitigen Respekt zwischen den Geschlechtern verbessert, usw, so dass am Ende eine Gesellschaft steht, in der die Dominanz des Männlichen überwunden ist, für die der Überhang männlicher Gattungsbegriffe ein Symptom war. Damit wären dann auch die Statistiken zur Geschlechterhäufigkeit von Gattungsbegriffen nicht mehr wichtig.

Pessimisten werden auch weiterhin den politischen Diskurs verschärfen und versuchen, durch das Verändern von Sprachregeln das Denken der Menschen zu verändern. Ob das wirklich gelingt, ist aber fraglich. Es wird zwar immer wieder betont, dass die „-Innen“-Sprachregelung und andere politisch korrekte Veränderungen der Sprache einhergegangen sind mit einem besseren Problembewusstsein bei vielen Menschen. Das beweist aber keinen Kausalzusammenhang, also dass die veränderte Sprache direkt das Bewusstsein der Menschen verändert hat. Es ist nämlich genauso gut möglich dass es ausschließlich der politische Diskurs als solcher war, der beides beeinflusst hat, oder dass sich das Problembewusstsein für Geschlechterfragen vielleicht sogar noch schneller entwickelt hätte, wenn sich die Leute nicht ständig über den „Innen“-Zwang hätten ärgern müssen. In diesem Fall hätte man sich das ganze Neusprech besser sparen können. Beweisen lässt sich natürlich weder das eine noch das andere.

Abhilfe: Modifikation der Grammatik

Aber na gut, angenommen das Verändern von Sprache würde wirklich etwas bringen. Dann sollten diese Veränderungen aber auch nachhaltig sein. Wenn, wie bei der „-Innen“-Regelung, am Ende die weibliche Form nur als Anomalie dasteht, dann ist das Ganze langfristig eher kontraproduktiv. Konsequenter wäre es zum Beispiel, das Geschlecht aller Gattungsbegriffe, die sich auf Menschen beziehen grundsätzlich an das Geschlecht der betreffenden Person zu koppeln. Also „der Professor“ wenn es ein Mann ist, „die Präsident“ wenn es eine Frau ist, „das Arzt“ wenn das Geschlecht der Person nicht bekannt oder nicht eindeutig ist. Oder vielleicht gönnen wir uns für den Fall auch noch zwei Dutzend weiter Geschlechter, aber das wäre ein anderer Diskurs.

Das alles klingt natürlich erst mal total bescheuert. Aber man würde sich nach einer Weile daran gewöhnen. Hat immer noch jemand Probleme mit den zwei „s“ in „dass“? Nein, oder? Denn die innere Logik der Sprache hat sich verbessert, dadurch dass die Schreibweise stärker an die Aussprache gekoppelt wurde. Die Schweden haben vor längerer Zeit mal per Gesetz beschlossen, dass „Hundertzweiundfünfzig“ jetzt „Hundertfünfzigundzwei“ heißt. Die größeren Stellen stehen also immer weiter vorne. Die Sprache korrespondiert so mit der Zifferndarstellung der Zahlen. Das Ganze ist einfacher und logisch schlüssiger. Die Leute mussten sich nur daran gewöhnen. Am Anfang hat sich in Schweden niemand daran gehalten, natürlich nicht, schließlich kann niemand gezwungen werden, Sprache in einer bestimmten Form zu verwenden. Viele Deutsche Zeitungen haben sich ja auch jahrelang geweigert, die neue Rechtschreibung zu verwenden. Lediglich die Schwedischen Lehrer mussten in der Schule die neue Form verwenden. Heute kräht in Schweden kein Hahn mehr nach der alten Regelung. Wie bei der Umstellung der Zahlwörter in Schweden würde „die Präsident“ die Grammatik vereinfachen und für mehr Logik sorgen. Und sie würde es uns ersparen, die inhaltlich bedeutungslosen Geschlechter zu lernen, die den Gattungsbegriffen angefügt sind.

Was sollten wir also tun

„Die Präsident“ wäre also durchaus machbar. Es ist keineswegs eine absurde Forderung, diese Änderung der Deutschen Sprache ernsthaft zu verfolgen, das heißt wenn wir denn sonst keine Sorgen hätten. Nur ist es eben nicht so, dass Frauen im Wesentlichen durch das Geschlecht des Gattungsbegriffs Präsident diskriminiert werden. Das ist Kleinkram. Trotz der Fortschritte bei der Gleichstellung von Frauen (Partizipation am Arbeitsmarkt, Kitas, Verringerung von Lohndifferenzen, weniger offener Sexismus, usw.) gibt in Deutschland zum Beispiel Tausende von Frauen, die von Menschenhändlern und Zuhälterbanden zur Prostitution gezwungen werden. Alleinerziehende Mütter sind diejenige Bevölkerungsgruppe, die bei weitem dem stärksten Armutsrisiko ausgesetzt ist. Gewalt gegen Frauen ist immer noch um ein Vielfaches häufiger als Gewalt gegen Männer. Und die politische Partizipation von Frauen ist immer noch weit davon entfernt, auch nur in die Nähe von 50% zu gelangen.

Hören wir also auf, an Symptomen herumzudoktern, zumal der positive Effekt fragwürdig ist, und kümmern wir uns um die wirklich wichtigen Probleme. Und falls wir es irgendwann mal geschafft haben sollten, dass Geschlecht, Herkunft, Ethnie, etc. wirklich keine Rolle mehr für gleiche Chancen, Respekt, und gesellschaftliche Partizipation spielen, dann würde es mich sehr wundern, wenn Frauen sprachlich weiterhin als Appendix-Geschlecht aufgefasst werden wollen, wo mit jeder einzelnen Verwendung eines Gattungsbegriffs an die finsteren Zeiten erinnert wird, als die Leute bei Studenten nur an Männer gedacht haben.

Letze Änderung: 05.01.2017

Erstellt: Jan. 17